Wie alles kam

[Oktober 2015] Am Anfang war es eine Handvoll Leute, die etwas tun wollten. Am 1. September hatte die Stadt Hamburg gemeinsam mit der Messe GmbH eine Halle als Massenunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet. Rund 1200 Flüchtlinge wurden zu neuen Nachbar_innen. Mit nur wenigen Tagen Vorlauf luden einige Anwohner_innen aus dem neben der Messe liegenden Karolinenviertel zur Kleinen Stadtteilversammlung in das selbstverwaltete Stadtteilzentrum Centro Sociale. Schnell wurde klar, dass der Raum nicht ausreichen würde: Allein auf Facebook hatten sich Hunderte Interessierte angemeldet. Die Versammlung am Samstag, dem 15. August 2015, im Knust platzte aus allen Nähten. Binnen einer Stunde verabschiedeten die mehr als 500 Anwesenden eine Resolution und bildeten mehr als 16 Arbeitsgruppen, die umgehend die Arbeit aufnahmen. Die selbst organisierte Initiative ‚Refugeees Welcome Karoviertel‘ war ins Leben gerufen. Zehn Tage später gab es die nächste Versammlung – nun im viel größeren Raum, dem Ballsaal des FC St. Pauli -, zu der weit mehr fast 1500 Menschen strömten. Am 27. September fand die dritte Versammlun, wieder im Ballsaal, statt, um nun eine hamburgweite Vernetzung der neuen und der bereits seit langem aktiven Initiativen anzuschieben.

Die Arbeitsgruppen, die sich am 15. August – zum großen Teil – spontan gebildet haben, sind mittlerweile groß und autonom geworden, sind teilweise stadtweit unterwegs und haben sich Wege und Strukturen geschaffen, wie sie konkret und gut organisiert arbeiten können. RWKaro hat über eine starke Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit dazu beigetragen, dass diese Arbeit sichtbar geworden ist und dass sich sehr viele Menschen über die Situation von Flüchtlingen informieren und engagieren können.

Innerhalb weniger Wochen haben die Aktiven wichtige und zum Teil nachhaltige Projekte aufs Gleis gebracht: Die AG Kinderbetreuung bespielt eigenständig ZEAs – vielleicht irgendwann mit festen Stellen, Zelten und einem Bus; die AG Gesundheit hat Hebammen, Ärzt_innen und Psycholog_innen zusammengebracht und plant unter anderem ein Medimobil; der BaSchu bzw. die Fundraising AG schieben erfolgreiche Crowdfundings an, sammelten bislang mehr als hunderttausend Euro und verteilen sie; die kleine und sehr effektive AG Telekommunikation versorgt Menschen in Massenunterkünften mit Smartphones und WLAN und wird – wenn alles klappt – einen Internetraum für Refugees im Karoviertel einrichten; die AG Deutschunterricht hat wochenlang in den Messehallen Kurse gegeben; in der AG Karte haben Graphiker_inne und Scouts mit dem Stadtplan für Refugees ein sinnvolles und auf andere Ort übertragbare Tool entwickelt; mit LemonAid und dem Centro haben wir Räume geöffnet, die als Refugees Welcome Spaces bespielt wurden; für die AG WiIlkommensfest hat ein hinreißendes Fest auf dem Tschaikowskiplatz auf die Beine gestellt; die AG Frauen hat Vielen – auch öffentlich – die Augen über spezifische Belange von Frauen in den Unterkünften geöffnet und strickt nun eine hamburgweite Vernetzung; die Kleiderkammer in den Messehallen (die ursprünglich auch unter dem Dach von RWKaro erwachsen ist), hat sich zu einem selbstständigen Akteur mit absehbar bezahlten Strukturen und einer stadtweiten Drehscheibe für Sachspenden und Dienstleistungen entwickelt; aus den Versammlungen sind die queere AG LGBTQ, die AG Recht und die AG Leerstand aktiv geworden; die AG Übersetzung konnte zwischenzeitlich rund 15 Sprachen abdecken und hat viele Texte übersetzt bzw. Gespräche gedolmetscht; die AG Kommunikationsmittel wird eine dringend nötige mehrsprachige Plattform aufsetzen; die AG DIY ist so vielschichtig und umtriebig, dass die einzelnen Aktivitäten den Rahmen hier sprengen würden – ja, und die AG Koordination hat vieles davon mit Hilfe von Versammlungen, Öffentlichkeitsarbeit, öffentlichem Feiern, Recherchen, Vernetzungen etc. vorbereitet und begleitet.

Die Arbeit ist noch lange nicht zu Ende… – vor allem nach der Asylrechtsverschärfung am 16. Oktober und angesichts der Tatsache, dass Europa die Zugbrücken hochziehen will ist absehbar, dass siech die Situation vieler Geflüchtetenr auch in Hamburg nicht verbessern, sondern nachhaltig verschlechtern wird…